Berlin, wo ist sie noch eine Stadt aus Legosteinen?

Wo kann sie noch überraschen?

Berlin vor 1989, ein (nicht schönes) Dornröschen

Bis 1989 war Berlin eine von Gott und der Welt halbvergessene und letztlich herb-romantische geteilte Stadt, die teilweise 1945 oder sogar noch früher stehen geblieben war. Ab 1989 veränderte sich die Lage. Berlin wurde nicht zum Symbol, sondern auch zum Schauplatz von der Veränderung, die das Ende der Teilung der Welt in zwei Blöcke ausgelöst hatte. Das große Reichtum der Stadt waren die leeren Grundstücke in der Mitte der Stadt. Alles musste schnell gefüllt werden. Peripherien wurden zum Teil des Zentrum und überall entstanden Zentren. Zwangsweise mussten große Veränderungen der Verkehrsachsen und der gesamten Infrastruktur stattfinden.
1989 war der Dornröschen-Schlaf zu Ende.

Ich bin aber nie müde geworden, meinen Gästen aus Italien zu erklären, dass der italienische Ausdruck für Dornröschen „La bella addormentata nel bosco“ („die schöne Schlafenden im Wald“) nicht passend war. Weder bis 1989 noch danach war bzw. ist Berlin eine schöne Stadt.

Keine schöne aber eine irritierende, überraschende Stadt

Berlin war auch 1989 auf keinen Fall eine schöne Stadt, die der/die Reisende aus der Liste abhaken und dann vergessen kann
Dafür war aber eine Stadt, die oft Neugierde, Unverständnis, Irritation hinterließ. Eine Stadt, die deplatzierte. „Ich verstehe nicht was die Leute an dieser Stadt so mögen“. „Ich muss noch mal wiederkommen, wenn alles fertig ist“. „Dies ist eine Stadt, die ohne Guide nicht verstanden werden kann“. „Sie haben viel vom dem erzählt, was nicht mehr oder noch nicht da ist. Ich wollte aber eigentlich sehen, was da ist“. „Wo ist das Zentrum?“. Einmal war es fast amüsant: BesucherInnen wollten mir partout nicht glauben, dass Alexanderplatz nicht das Gebiet um den Fernsehturm ist.

Berlin nach 1989, eine Stadt aus Legosteine, noch ohne Patina

Ein erprobter Weltbummler sagte mir einmal „Diese Stadt scheint aus Legosteinen gemacht“. Damit stellte er fest, was wirklich die Stadt nach 1989 prägte. Die teilweise noch sichtbaren Spuren der Zerstörungen des Krieges, die gegensätzliche Entwicklungen in West-Berlin und in der Hauptstadt der DDR, die sehr schnelle Füllung der Lücke durch Neubauten nach 1989. Alle diese Faktoren begründeten ein Stadtbild, wo die Fügen und der Kontrast zwischen einem Gebäude und dem nächsten stark auffielen, wo noch kein Patina die grellen Farben besänftigte.

Nach 1989 war das Berliner Stadtbild vergleichbar mit schrillen lauter Musik. Diese Musik konnte nicht im Hintergrund laufen, so angenehm dass sie vergessen werden kann.

Orte, wo die Stadt noch gerissen ist, wo sie noch überraschen kann

Nach 1989 war die Stadt voll mit noch sichtbaren Rissen, meistens an der ehemaligen Mauer. Es handelt sich um das Spreeufer am der East Side Gallery, um die Bernauerstrasse, um die ehemaligen Grenzübergänge (Chausseestraße, Check Point Charlie, Moritzplatz, …). Aber auch um das Gebiet am Anhalterbahnhof. Und um andere Orte.
In diesen Orten ist nicht nur die gesamte Widersprüchlichkeit der Geschichte und der Gegenwart der Stadt sichtbar. Dort wird auch die Vielfalt und die Unberechenbarkeit des Umgangs der Menschen damit sichtbar. Nicht nur Spuren von Absurditäten oder Lasten der Vergangenheit tauchen immer wieder auf. In diesen Orten kann der/die Reisende auch Lichtblicke von Heiterkeit, Hoffnung und Fragen für die Zukunft wahrnehmen.

Die Lage hat sich natürlich in der über 30 Jahren seit dem Fall der Mauer verändert. In diesen Orten findet nicht nur eine stadtplanerische Füllung der Risse, also eine Reparatur der Wunden und eine Glättung der Narben statt. Außerdem zirkuliert das Wissen über diese Orte und über Berlin, Orte und Erwartungen der BesucherInnen passen sich gegenseitig an.

Welche Orte können in Berlin noch überraschen? In welchen Orten sind die Risse aus der Vergangenheit noch sichtbar, sind die Spiele für die Zukunft noch offen? Wo sonst ist Berlin noch keine voraussehbare Stadt?

Claudio Cassetti, Guide

Sprechende Rissen mit Touristen suchen.
Kontraste, Patina, Spielen und Lenken wollen
:
(Eine Ergänzung auf Anregung einer Kollegin)

…. bildhafte Ausdrücke (sind) m.E. teilweise schief sind, Bsp.:Berlin noch gerissen
ich glaube, du meinst zerrissen
Die Legosteine assoziieren bei mir eher idyllische, putzige Stadtlandschaften
ging es keinem deiner Leser oder keiner deiner Leserinnen so?

„Gerissen“ habe ich absichtlich benutzt.
Mir geht es darum, präzise Risse der Oberfläche zu suchen, durch die die Vergangenheit und sonst etwas Erfahrungswertes herausquellt. „Zerrissen“ ist mir zu unpräzis und unkontrolliert.
Die einzelnen Risse sollten lokalisiert und untersucht werden,
das würde ich gerne oder tue ich mit Touristen durch die Stadt
„Gerissen“ hat darüber hinaus eine Konnotation von „Schlau“, auf eine Person bezogen.
Und das geht in die gleiche Richtung mit dem Diskurs.
Die Orte, die ich suche bzw. den Touristinnen zeigen möchte sind auf eine gewisse Art und Weise „schlau“,
weil sie sprechende Risse sind, die etwas über die Stadt und sonst verraten.
Und weil sie auch gemein sind und sich immer wieder verstecken.
Und kann Spaß machen, sie zu suchen, gerade weil sie sich verstecken.

Die Person die den Ausdruck „Legosteinen“ benutzt hat (ich habe sie in diesem Kontext nicht erfunden)
hat meiner Meinung gut die Tatsache getroffen,
dass eine besondere Häufigkeit von auffälligen Kontrasten in den Strassenflüchten und in den Stadträumen wahrnehmbar ist oder war.
Diese auffällige Kontraste sind Spuren in der Gegenwart der Geschichte Berlin. Sie sind Spuren des bewussten „Gegeneinander-Bauen“ z.B. im Kalten Krieg, des Wechselns zwischen einem gewissen Stillstands oder Stehen-Bleibens in der Zeit 1945-1989 und dem (zu?) schnellen Aus- und Überfüllen der Lücken nach 1989.
Die Patina der Zeit (gekoppelt mit dem Ende des Wachstums) wird die Trennungslinien bzw. die Unterschiede zwischen den einzelnen Gebäuden in den Straßenflüchten zunehmend verblassen. Sie werden immer weniger auffällig sein.

Sicher erweckt der Ausdruck „Legosteinen“ eine Assoziation mit eher idyllischen, putzigen Landschaften. Das ist scheinbar unangebracht, z.B. gegenüber den Zerstörungen in Krieg oder der Gewalt im kalten Krieg oder ähnlichem.
Aber der Ausdruck „Legosteine“ weißt auch auf Spielen und Lenken-Wollen hin.
Und was kann frau/man am besten mit dem Bösen machen?
Darunter leiden, verdrängen ist schlecht. Damit zu spielen ist eine weitere Möglichkeit.
Das ist ein Teil des Dark-Tourismus. Und spielen kann auch ein erster Versuch sein, in eine gute Richtung lenken zu wollen.

Claudio


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